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Stahlbau

Drucklufttechnik in der Eisen- und Stahlproduktion

Im härtesten Umfeld der Industrie – Druckluft, die Stahl macht

01 · Anwendungen

Typische Anwendungen

Hochofenbetrieb – Blasluft

Die wichtigste Anwendung. Ein Hochofen benötigt kontinuierlich enorme Mengen vorgewärmter Druckluft (“Heißwind”), die durch Düsen (Blasformen) in den unteren Bereich des Ofens eingeblasen wird.

Zweck: – Verbrennung des Kokses (Zündung und Aufrechterhaltung) – Chemische Reduktion von Eisenerz (Fe₂O₃ → Fe) – Erzeugung von CO als Reduktionsgas

Technisches: Die Luft wird auf 900–1.200°C vorgewärmt (im Winderhitzer/Cowper) bevor sie eingeblasen wird. Betriebsdruck: 3–5 bar. Volumenstrom: 100.000–500.000 m³/h pro Hochofen.

Das sind keine Kompressoren – das sind Axialverdichter, Turboverdichter oder Drehkolbengebläse der allergrößten Leistungsklasse. Antriebsleistungen von 10–50 MW sind normal.

Pneumatische Förderung von Pulvermaterialien

  • Kohlenstaub (für die Einblasung in den Hochofen als Zusatzbrennstoff)
  • Kalk und Dolomit (als Schlackenbildner)
  • Eisenoxid-Pellets und Feinerzfraktion
  • Stahllegierungselemente (Legierungspulver)

Druckluft bewegt diese Materialien durch Rohrsysteme in den Prozess. Anspruchsvoll: Die Materialien sind abrasiv, heiß oder reaktiv – die Rohrleitungen und Kompressoren müssen das können.

Sauerstofferzeugung (Luftzerlegung)

BOF (Basic Oxygen Furnace) und EAF (Electric Arc Furnace) brauchen riesige Mengen reinen Sauerstoffs: – BOF: bis zu 60 m³ O₂ pro Tonne Stahl – Zur Oxidation von C, Si, Mn, P im geschmolzenen Eisen

Druckluft versorgt die Luftzerlegungsanlagen (kryogene Trennung von N₂, O₂, Ar). Die Luft wird komprimiert, abgekühlt, verflüssigt und destillativ getrennt. Kompressorleistung: 10–100 MW pro Luftzerlegungsanlage.

Pneumatische Werkzeuge und Aktuatoren

  • Pneumatische Hämmer für Schrott-Bearbeitung
  • Schneidwerkzeuge
  • Antriebe für Klappen, Ventile, Türen
  • Weichen in Materialtransportsystemen

Luftkühlung und -reinigung

  • Abblasen von Staubablagerungen auf Geräten
  • Kühlung von Walzprodukten (Luftmesser zum Zunderentfernen)
  • Kühlung von Elektromotoren und Elektronik in heißer Umgebung
02 · Richtwerte

Luftbedarf

Anwendung Volumenstrom Betriebsdruck System
Hochofen-Blasluft 100.000–500.000 m³/h 3–5 bar Turbo-/Axialverdichter
Luftzerlegungsanlage 50.000–300.000 m³/h 5–9 bar Turboverdichter
Kohlenstaub-Einblasung 5.000–30.000 m³/h 3–8 bar Kolben- oder Schraubenkompressor
Pneumatische Förderung 1.000–10.000 m³/h 2–6 bar Gebläse oder Kompressor
Instrumentenluft 100–1.000 m³/h 5–8 bar Schraubenkompressor
Vakuum-Entgasung 500–5.000 m³/h 0,01–0,1 mbar Mehrstufige Vakuumsysteme

Hinweis: Hochofen-Blasluft und Luftzerlegung sind die volumenmäßig größten Druckluftanwendungen in der Industrie überhaupt. Ein mittelgroßes Stahlwerk verbraucht so viel Druckluft wie eine ganze Kleinstadt Strom verbraucht.

03 · Systeme

Empfohlene Systeme

Hochofen-Blasluft: Turboverdichter und Axialverdichter

Für diese Anwendung gibt es keine Schraubenkompressoren – die Volumenströme sind einfach zu groß. Es werden eingesetzt:

  • Axialverdichter: hohe Volumenströme, niedriger bis mittlerer Druck (ideal für Hochofen). Antrieb durch Dampfturbine (oft aus Hochofen-Restgas gewonnen) oder Elektromotor.
  • Zentrifugalverdichter (Radialverdichter): für mittelgroße Volumens bei etwas höherem Druck. Kompakter als Axialverdichter.

Luftzerlegungsanlage: Turboverdichter

Ähnlich wie Hochofen – gigantische Volumens, mehrstufige Verdichtung. Die Turboverdichter werden speziell für den Betrieb mit kaltem, feuchtem Medium ausgelegt.

Vakuumentgasung

Für die Hochvakuum-Stahl-Entgasung (RH-Verfahren, VD-Verfahren) werden mehrstufige Vakuumsysteme benötigt: – 1. Stufe: Dampfstrahlpumpen (bis 10 mbar) – nutzen Hochdruckdampf als Treibmittel – 2. Stufe: Flüssigkeitsring-Vakuumpumpen (Vorvakuum) – 3. Stufe (optional): Wälzkolbenpumpen (tiefes Vorvakuum)

Pneumatische Förderung in der Stahlproduktion

Abrasive Materialien (Kohlenstaub, Kalk): Spezielle Verschleißschutz-Kompressoren, beschichtete Rohrleitungen, keramische Bögen. Normale Kompressoren werden durch abrasive Medien schnell beschädigt.

Empfehlung: Drehkolbengebläse oder robuste Schraubenkompressoren mit verstärkten Rotoren für Niederdruck-Förderung. Kolbenkompressoren für Hochdruck-Dichtstromförderung.

Lassen Sie sich individuell beraten

Druckluft Fachhändler finden die optimale Druckluftlösung für Ihre Prozesse in der Automobilindustrie.

04 · Druckbereich

Druckanforderungen

Anwendung Betriebsdruck
Hochofen-Blasluft (Kaltwind) 3–5 bar
Sauerstofferzeugung (Luftzerlegung) 5–9 bar
Kohlenstaub-Einblasung 5–10 bar
Pneumatische Förderung 2–8 bar
Werkzeugluft 6–10 bar
Instrumentenluft 5–8 bar
Vakuumentgasung 0,0001–10 mbar (Vakuum)
05 · Qualität

Reinheitsklassen

Anwendung Partikel Feuchtigkeit Öl Besonderheit
Instrumentenluft Klasse 1–2 Klasse 2 (−40°C) Klasse 2 Keine Verunreinigung von Messinstrumenten
Werkzeugluft Klasse 3 Klasse 4 Klasse 3
Pneumatische Förderung Klasse 3 Klasse 4 Klasse 2–3 Je nach Medium
Hochofen-Blasluft unkritisch unkritisch unkritisch Menge zählt, nicht Reinheit
Luftzerlegung Klasse 2 trocken (vorgetrocknet) Klasse 1 Feuchtigkeit gefriert bei Tieftemperatur
06 · Fehler vermeiden

Häufige Fehler

01. Turboverdichter ohne Standbylösung betreiben
Ein Hochofen läuft 24/7 – oft 10–15 Jahre ohne Abstellen. Der Turboverdichter für die Blasluft muss in dieser Zeit gewartet werden. Ohne Standby-Verdichter muss bei Wartung der Ofen heruntergefahren werden – das kostet Millionen. Immer: Standbylösung einplanen.
02. Abrasive Materialien mit Standardkompressoren fördern
Kohlenstaub ist wie Schleifpapier für Kompressoren. Wer normale Schraubenkompressoren für die Kohlenstaub-Einblasung nutzt, erlebt innerhalb von Wochen erhöhten Verschleiß. Verschleißschutz-Ausführungen sind Pflicht.
03. Instrumentenluft und Prozessluft aus demselben Netz
Instrumentenluft braucht höchste Reinheit. Prozessluft (Hochofen, Förderung) hat keine besonderen Reinheitsanforderungen. Werden beide aus demselben Netz versorgt, muss das gesamte Netz auf die strengsten Anforderungen ausgelegt werden – unnötiger Aufwand. Getrennte Netze sind die bessere Lösung.
04. Wärme der Turboverdichter nicht nutzen
Turboverdichter erzeugen enorme Abwärme. In vielen Stahlwerken wird diese Wärme in die Luft abgeblasen. Eine Nutzung für Prozesswärme, Dampferzeugung oder Raumheizung spart erhebliche Energiekosten.
05. Vakuumanlage für Stahl-Entgasung falsch ausgelegt
Das RH-Verfahren erfordert Drücke unter 1 mbar – und das schnell (Evakuierungszeit < 5 Minuten). Falsch ausgelegte Vakuumanlagen erreichen den Solldruck zu langsam, was zu schlechter Entgasungseffizienz und damit minderwertiger Stahlqualität führt.
07 · Energie & Kosten

Energietipps

Tipp 1: Hochofen-Blasluft aus Gichtgas-Energie erzeugen
Hochöfen erzeugen Gichtgas (CO-reich). Dieses Gas kann in Gasturbinen oder Dampfkraftwerken verbrannt werden, um die Turboverdichter für die Blasluft anzutreiben. Viele moderne Hüttenwerke erzeugen so ihre eigene Energie und senken die Netzabhängigkeit erheblich.
Tipp 2: Druckoptimierung im Instrumentenluft-Netz
Instrumentenluft läuft oft auf 8–9 bar, obwohl die Messinstrumente nur 4–5 bar brauchen. 3–4 bar Überdruck im Netz sind reine Energieverschwendung.
Tipp 3: Wärmerückgewinnung der Kompressoren
Für Industriekompressoren in der Stahlindustrie: Zwangskühlung mit Wärmetauscher, der Warmwasser produziert. In einem Stahlwerk mit vielen Kompressoren können so mehrere MW Wärme zurückgewonnen werden.
Tipp 4: Druckluftleckagen in Prozessluftanlagen orten
Auch in rauen Stahlwerksumgebungen zahlt sich Leckagesuche aus. Große Rohrleitungen mit vielen Flanschverbindungen können erhebliche Leckagen haben.
08 · Aus der Praxis

Techniker erklärt

Warum Hochofen-Blasluft und Instrumentenluft niemals aus demselben Netz kommen dürfen

Diese Frage kommt manchmal von Planern, die Kosten sparen wollen: “Wir haben schon einen großen Turbogebläse für den Hochofen – können wir von dem auch die Instrumentenluft abzweigen?”

Die kurze Antwort: Nein. Die ausführliche Antwort erkläre ich gerne.

Das Hochofengebläse bringt Luft auf 3–5 bar und liefert dabei 200.000 m³/h oder mehr. Die Luft enthält das, was die Umgebungsluft enthält – Staub, Feuchtigkeit, normale Umweltverschmutzung. Das ist für den Hochofen egal, der interessiert sich nicht für Ölnebel oder Staub.

Aber eure Messinstru­mente sind das genaue Gegenteil. Pneumatische Differenzdruck-Transmitter, Regelventile, Positionsgeber – die haben Düsen mit Durchmessern von 0,2–0,5 mm. Ein einziges Staubkorn, ein Kondensat-Tropfen, und diese Instrumente verstopfen oder versagen.

In einem Stahlwerk, das ich betreut habe, hatten sie das getan: ein Abzweig vom Hochofengebläse für die Instrumentenluft. Ergebnis: Innerhalb von 6 Monaten hatten sie 18 Ausfälle bei Prozessventilen. Ursache immer die Gleiche: Verstopfte Positionsgeber-Düsen.

Die Lösung war ein separates Instrumentenluft-System. Investition: ca. 40.000 Euro. Einsparung durch vermiedene Ausfälle im ersten Jahr: nach Eigenberechnung des Werks über 200.000 Euro.

Getrennte Netze für unterschiedliche Qualitätsanforderungen sind keine Luxus – sie sind gute Ingenieurspraxis.

Fazit

Die Eisen- und Stahlindustrie ist eine der faszinierendsten – und anspruchsvollsten – Branchen für Drucklufttechnik. Die Dimensionen sind gewaltig, die Betriebsbedingungen extrem, und die Konsequenzen von Systemausfällen immens.

Wer hier plant und optimiert, braucht tiefes Fachwissen und erfahrene Partner.

Als die größte unabhängige Fachplattform für Drucklufttechnik im deutschsprachigen Raum sind wir der Ausgangspunkt für alle, die im Stahlbereich die richtigen Kompressorlösungen suchen.

Ihr Nutzen

Auf dieser Seite

Die härteste Umgebung für Drucklufttechnik überhaupt

Temperaturen bis zu 1.600°C. Staub, der alles überzieht. Erschütterungen durch Schmelzprozesse. Aggressivste Medien. Und ein Prozess, der niemals stoppt – denn Hochöfen, die man einmal abschaltet, kosten Millionen beim Wiederanfahren.

Willkommen in der Eisen- und Stahlindustrie.

Hier ist Druckluft keine komfortable Werkzeugenergie – sie ist ein Kernprozessmedium. Ohne die riesigen Turboverdichter, die Blasluft in den Hochofen pressen, kein flüssiges Eisen. Ohne Druckluft für die pneumatischen Fördersysteme kein kontinuierlicher Materialtransport. Ohne Vakuumsysteme keine Stahlraffination der höchsten Güte.

Die Drucklufttechnik in der Stahlproduktion hat eine andere Dimension als in allen anderen Branchen – und wer sie plant, muss das wissen.

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